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Gesundheit

Knochengesundheit ohne Milch: Was Veganer:innen über Osteoporose wirklich wissen müssen

Lena Vogt
Flat-Lay mit Tahin, Grünkohl, Tofu, angereicherter Pflanzenmilch, Sauerkraut, Mandeln und getrockneten Feigen auf hellem Holz

Wer sich pflanzlich ernährt, hört früher oder später diesen Einwand: „Aber was ist mit den Knochen?“ Der Verdacht dahinter ist nicht aus der Luft gegriffen. 2020 veröffentlichte die EPIC-Oxford-Studie Daten, die aufhorchen ließen: Vegan lebende Teilnehmende hatten im Vergleich zu Mischköstlern ein um rund 43 Prozent erhöhtes Risiko für Gesamtfrakturen und ein mehr als verdoppeltes Risiko für Hüftfrakturen (Tong et al., BMC Medicine, 2020). Diese Zahl verschwindet nicht, wenn man sie ignoriert. Aber sie bleibt auch nicht stehen, wenn man versteht, woher sie kommt.

Die gute Nachricht vorweg: Das Risiko lässt sich durch eine überschaubare Zahl konkreter Stellschrauben deutlich verringern. Dieser Artikel erklärt, was die Studienlage wirklich sagt, welche Nährstoffe an deinen Knochen arbeiten und wie ein Alltag aussieht, in dem Osteoporose-Prävention ohne Milchprodukte funktioniert.

Was die Forschung tatsächlich zeigt

Die EPIC-Oxford-Studie beobachtete fast 55.000 Menschen über rund 18 Jahre. Der Effekt bei Veganer:innen war real — und besonders deutlich an der Hüfte, also an jener Stelle, die im Alter statistisch die gefährlichsten Brüche verursacht. Entscheidend ist aber, wer in dieser Kohorte unter welchen Bedingungen gegessen hat. Die Autor:innen selbst heben drei Punkte hervor:

  1. Niedriger Body-Mass-Index: Viele vegan lebende Teilnehmende hatten einen deutlich niedrigeren BMI. Weniger Körpermasse bedeutet weniger mechanischen Reiz auf die Knochen und weniger Polsterung bei Stürzen.
  2. Unterversorgung mit Calcium: Wer im unteren Viertel der Calciumzufuhr lag, hatte ein auffallend höheres Risiko. Die EPIC-Daten stammen aus den Jahren vor der flächendeckenden Verfügbarkeit calciumangereicherter Pflanzendrinks.
  3. Niedrige Proteinzufuhr: Protein ist nicht nur für Muskeln wichtig, sondern auch Baustoff der Knochenmatrix.

Das Bild wird klarer, wenn man die Meta-Analyse von Iguacel et al. heranzieht. Ihre Auswertung von 20 Studien mit über 37.000 Teilnehmenden bestätigt, dass Veganer:innen im Schnitt eine niedrigere Knochendichte an Hüfte und Lendenwirbelsäule aufweisen — und dass dieses Defizit mit Versorgungslücken bei Calcium, Vitamin D und Protein einhergeht (Iguacel et al., Nutrition Reviews, 2019).

Die Studienlage sagt also nicht: „Vegan schwächt Knochen.“ Sie sagt: Eine pflanzliche Ernährung, die Calcium, Protein und Vitamin D nicht aktiv einplant, schwächt Knochen. Das ist ein entscheidender Unterschied — und eine gute Nachricht, weil alle drei Stellschrauben in deiner Hand liegen.

Die vier Stellschrauben für starke Knochen

1. Calcium: 1000 mg pro Tag, aus vielen Quellen

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt 1000 mg Calcium pro Tag für Erwachsene ab 19 Jahren. Diese Menge ohne Milchprodukte zu erreichen ist möglich, aber sie passiert nicht nebenbei — sie braucht einen Plan.

Verlässliche pflanzliche Calciumquellen:

  • Angereicherte Pflanzendrinks (Hafer, Soja, Mandel): rund 120 mg pro 100 ml. Zwei Gläser am Tag decken etwa ein Viertel des Bedarfs.
  • Tofu mit Calciumsulfat: je nach Sorte 150 bis 350 mg pro 100 g. Prüfe die Zutatenliste auf „Calciumsulfat“ oder „E 516“.
  • Grünkohl, Brokkoli, Pak Choi: Grünkohl liefert rund 150 mg Calcium pro 100 g — und zwar mit hoher Bioverfügbarkeit, weil diese Gemüse wenig Oxalat enthalten. Spinat und Mangold sind calciumreich, aber ihr Oxalat bindet einen Großteil — sie zählen kaum.
  • Tahin (Sesammus): etwa 400 mg pro 100 g. Zwei Esslöffel im Dressing oder über Gemüse: gut 100 mg.
  • Mandeln: rund 250 mg pro 100 g.
  • Getrocknete Feigen: rund 160 mg pro 100 g.
  • Calciumreiches Mineralwasser (> 150 mg/l, manche Marken > 500 mg/l): Still oder perlend — steht auf dem Etikett.

Die Bioverfügbarkeit ist genauso wichtig wie die Menge. Aus Grünkohl nimmt der Körper etwa 50 Prozent des enthaltenen Calciums auf, aus Milch rund 30 Prozent, aus calciumangereicherten Pflanzendrinks ähnlich wie aus Kuhmilch. Oxalatreiche Gemüse (Spinat, Rhabarber, Mangold) und phytathaltige Vollkornprodukte senken die Aufnahme — das ist kein Grund, sie wegzulassen, aber ein Grund, breit zu kombinieren.

2. Vitamin D: das Sonnen-Problem ehrlich ernst nehmen

Vitamin D reguliert, wie viel Calcium dein Körper aus dem Darm aufnimmt und in die Knochen einbaut. Die DGE nennt 20 µg pro Tag als Referenzwert, wenn die körpereigene Synthese über die Haut fehlt — und in Deutschland fehlt sie einen großen Teil des Jahres.

Zwischen Oktober und März steht die Sonne nördlich des 50. Breitengrads so flach, dass die Haut praktisch kein Vitamin D bilden kann. Hinzu kommen geschlossene Kleidung, Bürojobs und Sonnenschutz. Das ist keine vegane Besonderheit: In der DEGS1-Erhebung des Robert-Koch-Instituts lagen 61,6 Prozent der deutschen Erwachsenen unter einem 25-OH-D-Serumspiegel von 50 nmol/l — unabhängig von der Ernährungsweise (Rabenberg et al., BMC Public Health, 2015).

Was das praktisch heißt:

  • Im Winterhalbjahr ist ein Supplement die einfachste Lösung. Üblich sind Tagesdosen zwischen 800 und 2000 IE (20–50 µg).
  • Im Sommer hilft ein tägliches Sonnenbad von 15–25 Minuten auf Gesicht, Armen und Beinen, bevor du eincremst.
  • Ein Bluttest (25-OH-Vitamin D) beim Hausarzt zeigt dir, wo du stehst — besonders wichtig für ältere Menschen, Personen mit dunkler Hautfarbe und alle, die sich viel drinnen aufhalten.

Wer Vitamin D pauschal ablehnt, riskiert an der falschen Stelle. Ein überteuertes „natürliches“ Leben hilft den Knochen weniger als eine billige Kapsel von November bis März.

3. Vitamin K: grünes Gemüse zuerst

Vitamin K2 aktiviert Eiweiße, die Calcium im Knochen binden und verhindern, dass es sich in der Gefäßwand ablagert – deshalb gilt es als Partner von Calcium und Vitamin D. Die mit Abstand ergiebigste pflanzliche K2-Quelle ist Natto, ein fermentiertes Sojaprodukt aus Japan mit sehr intensivem Geschmack. Sauerkraut und anderes fermentiertes Gemüse liefern je nach Herstellung kleinere Mengen. Den Vitamin-K-Bedarf insgesamt deckt meist schon das pflanzliche K1 aus grünem Gemüse – alles dazu in unserem Beitrag Vitamin K2 pflanzlich.

Die Studienlage zu K2 und Knochen ist gemischt. Die vielleicht sauberste Humanstudie stammt von Knapen et al.: 244 Frauen nach den Wechseljahren erhielten über drei Jahre täglich 180 µg MK-7 oder Placebo. In der MK-7-Gruppe verlangsamte sich der altersbedingte Verlust an Knochendichte an Lendenwirbelsäule und Oberschenkelhals messbar (Knapen et al., Osteoporos Int, 2013). Weniger Knochenbrüche hat sie nicht nachgewiesen. Eine norwegische Studie mit täglich 360 µg MK-7 fand nach einem Jahr zudem keinen Unterschied beim Knochenabbau (Emaus et al., Osteoporos Int, 2010).

Praktischer Umgang: Mit viel grünem Gemüse und – wenn du magst – fermentierten Lebensmitteln bist du gut aufgestellt; ein K2-Präparat ist kein Muss. Wer trotzdem ergänzen möchte, achtet auf die Dosis: Das Bundesinstitut für Risikobewertung schlägt für Nahrungsergänzungsmittel höchstens 25 µg K2 pro Tagesdosis vor (BfR, 2021). Bei Marcumar oder anderen Vitamin-K-Antagonisten gilt: kein Vitamin-K-Präparat ohne ärztliche Rücksprache.

4. Protein und Krafttraining: der größte Hebel

Hier liegt die Stellschraube mit der besten Evidenz — und die, die am häufigsten unterschätzt wird. Die DGE empfiehlt 0,8 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht für Erwachsene zwischen 19 und 65 Jahren, und 1,0 g/kg ab 65 Jahren. Für eine 70 kg schwere Person sind das 56 bis 70 g Protein täglich. In pflanzlicher Form heißt das: Hülsenfrüchte, Tofu, Tempeh, Edamame, Seitan, Linsen, Kichererbsen, Haferflocken, Nüsse — verteilt über den Tag, nicht in einer einzigen Mahlzeit.

Protein ist der Baustoff der Knochenmatrix. Ohne ausreichend Eiweiß kann der Körper neu gebildete Knochensubstanz schlicht nicht vollständig aufbauen — unabhängig davon, wie viel Calcium du zuführst.

Und dann kommt Belastung. Knochen ist lebendes Gewebe: Er verstärkt sich genau dort, wo mechanischer Reiz ankommt. Die Studie mit der beeindruckendsten Evidenz für postmenopausale Frauen ist LIFTMOR: Acht Monate lang absolvierten Teilnehmerinnen mit niedriger Knochendichte zweimal pro Woche je 30 Minuten hochintensives Kraft- und Impacttraining unter Anleitung. Ergebnis: signifikante Verbesserungen an Lendenwirbelsäule und Oberschenkelhals, bessere Funktion im Alltag, sehr wenige Zwischenfälle (Watson et al., J Bone Miner Res, 2018).

„Hochintensiv“ klingt abschreckend, bedeutet in der Praxis aber: Kniebeugen, Kreuzheben, Überkopfdrücken und kontrollierte Sprünge mit Gewichten, die für dich herausfordernd sind — gelernt in einer begleiteten Phase. Wer das Gerüst hat, kann den Reiz zu Hause oder im Studio halten. Walken, Yoga und Schwimmen sind gut für Herz und Beweglichkeit, genügen aber als alleiniger Knochenreiz nicht.

Ein Tag auf dem Teller

Ein pragmatisches Beispiel für rund 1000 mg Calcium, ausreichend Protein und reichlich Vitamin K — ohne Getränke zu zählen, die du sowieso trinkst:

  • Frühstück: Haferflocken (50 g) mit 250 ml angereichertem Sojadrink, 1 EL Tahin, 2 getrockneten Feigen und Beeren. — ca. 380 mg Calcium, ca. 20 g Protein.
  • Snack: Handvoll Mandeln (30 g) und ein Glas Mineralwasser (500 ml, > 300 mg Ca/l). — ca. 225 mg Calcium.
  • Mittag: Bowl mit 150 g Calcium-Tofu, 200 g Brokkoli, 150 g Quinoa, Tahin-Zitrone-Dressing. — ca. 350 mg Calcium, ca. 30 g Protein.
  • Abend: Linsen-Kichererbsen-Curry mit gedünstetem Grünkohl (150 g), Fladenbrot. Dazu ein Löffel Sauerkraut. — ca. 280 mg Calcium, ca. 25 g Protein.

Zusammen: gut 1200 mg Calcium, rund 75 g Protein, eine Portion fermentiertes Gemüse und — wenn gerade Winter ist — eine Vitamin-D-Kapsel zum Frühstück.

Wann du ärztlichen Rat einholen solltest

Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, wenn:

  • du in deiner Familie Osteoporose oder frühe Hüftfrakturen kennst,
  • du in den letzten Jahren eine Fraktur nach einem leichten Sturz hattest,
  • du dauerhaft Cortison oder andere knochenabbauende Medikamente nimmst,
  • du eine frühe Menopause (vor 45) hattest oder untergewichtig bist,
  • du eine Essstörung in der Vorgeschichte hast oder im Leistungssport warst.

In diesen Fällen ist eine DXA-Knochendichtemessung und ein Laborcheck (25-OH-Vitamin D, Calcium, Phosphat, Nierenwerte, ggf. Knochenmarker) sinnvoll. Die gesetzlichen Kassen übernehmen die DXA bei vorliegender Indikation.

Das Fazit

Die EPIC-Oxford-Zahl ist real, und wer sie wegdiskutiert, hilft niemandem. Sie wird aber deutlich kleiner, wenn du drei Dinge tust: 1000 mg Calcium aus angereicherten Drinks, Tofu, Grünzeug und Mineralwasser decken. Im Winterhalbjahr Vitamin D supplementieren. Und vor allem: zweimal pro Woche Gewichte heben, auch wenn du 60 oder 70 bist. Grünes Gemüse deckt nebenbei deinen Vitamin-K-Bedarf. Pflanzliche Ernährung und starke Knochen sind kein Widerspruch — sie sind eine Frage von Planung und Belastung.

Geprüfte Quellen (8)

Jede Quelle verweist auf die Originalarbeit. PubMed- und DOI-Links werden vor jeder Veröffentlichung automatisiert geprüft.

  1. Vegetarian and vegan diets and risks of total and site-specific fractures: results from the prospective EPIC-Oxford study — Tong TYN et al. · BMC Medicine · 2020PMID 33222682
  2. Veganism, vegetarianism, bone mineral density, and fracture risk: a systematic review and meta-analysis — Iguacel I et al. · Nutrition Reviews · 2019PMID 30376075
  3. Vitamin D status among adults in Germany — results from the German Health Interview and Examination Survey for Adults (DEGS1) — Rabenberg M et al. · BMC Public Health · 2015PMID 26162848
  4. Three-year low-dose menaquinone-7 supplementation helps decrease bone loss in healthy postmenopausal women — Knapen MHJ et al. · Osteoporosis International · 2013PMID 23525894
  5. Vitamin K2 supplementation does not influence bone loss in early menopausal women: a randomised double-blind placebo-controlled trial — Emaus N et al. · Osteoporosis International · 2010PMID 19937427
  6. Effect of vitamin K on bone mineral density and fractures in adults: an updated systematic review and meta-analysis of randomised controlled trials — Mott A et al. · Osteoporosis International · 2019PMID 31076817
  7. Höchstmengenvorschläge für Vitamin K in Lebensmitteln inklusive Nahrungsergänzungsmitteln — Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) · 2021
  8. High-Intensity Resistance and Impact Training Improves Bone Mineral Density and Physical Function in Postmenopausal Women With Osteopenia and Osteoporosis: The LIFTMOR Randomized Controlled Trial — Watson SL et al. · Journal of Bone and Mineral Research · 2018PMID 28975661

Häufige Fragen

Bekomme ich ohne Milch genug Calcium?
Ja, wenn du gezielt planst. Die DGE empfiehlt 1000 mg Calcium pro Tag für Erwachsene. Gut erreichbar wird das mit angereicherten Pflanzendrinks (ca. 120 mg je 100 ml), Calcium-Tofu, Tahin, Grünkohl, Brokkoli, Mandeln und calciumreichem Mineralwasser (> 150 mg/l). Entscheidend ist die Kombination — ein einziges Lebensmittel reicht selten aus.
Reicht Sonne in Deutschland für Vitamin D?
Zwischen etwa Oktober und März steht die Sonne in Mitteleuropa zu flach für eine nennenswerte körpereigene Vitamin-D-Produktion. Die DGE empfiehlt in dieser Zeit 20 µg Vitamin D pro Tag, wenn du keine ausreichende Eigenproduktion hast. Ein 25-OH-D-Bluttest beim Hausarzt zeigt dir, wo du stehst.
Brauche ich Vitamin K2 als Supplement?
In der Regel nicht. Eine Studie (Knapen et al., Osteoporos Int, 2013) zeigt, dass MK-7 den altersbedingten Verlust an Knochendichte verlangsamen kann, eine andere (Emaus et al., 2010) fand keinen Effekt – und für weniger Knochenbrüche fehlt ein klarer Nachweis. Mit grünem Gemüse bist du bei Vitamin K meist gut versorgt; die ergiebigste pflanzliche K2-Quelle ist Natto. Wer trotzdem ergänzen möchte, orientiert sich am Vorschlag des BfR von höchstens 25 µg K2 pro Tagesdosis – bei Gerinnungshemmern nur nach ärztlicher Rücksprache.
Wie viel Krafttraining schützt die Knochen?
In der LIFTMOR-Studie (Watson et al., JBMR, 2018) reichten zwei betreute Einheiten hochintensiven Kraft- und Impacttrainings pro Woche über acht Monate, um die Knochendichte an Lendenwirbelsäule und Oberschenkelhals messbar zu verbessern. Für Einsteiger:innen lohnt sich die Begleitung durch qualifiziertes Personal — Technik vor Gewicht.
Ab wann sollte ich die Knochendichte messen lassen?
Die Deutsche Gesellschaft für Osteologie empfiehlt eine DXA-Messung ab 70 Jahren generell und früher bei Risikofaktoren wie familiärer Osteoporose, langer Cortisonbehandlung, früher Menopause, starker Gewichtsabnahme oder einer Fraktur ohne größere Gewalteinwirkung. Sprich mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt — eine Überweisung ist Voraussetzung.

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