Zum Hauptinhalt springen
Wissenschaft

7 Mythen über vegane Ernährung — und was die Wissenschaft sagt

Vollblatt Redaktion
Lupe über buntem Gemüse als Faktencheck-Konzept

Ob am Familientisch, beim Grillabend oder in den sozialen Medien — wenn es um vegane Ernährung geht, fallen schnell Sätze wie „Ohne Fleisch fehlt dir doch Protein!” oder „Soja ist doch voller Hormone!”. Viele dieser Aussagen halten sich hartnäckig, obwohl die Wissenschaft sie längst widerlegt hat. Wir nehmen die sieben häufigsten Mythen unter die Lupe und schauen, was die Forschung tatsächlich sagt.

Mythos 1: „Veganer bekommen nicht genug Protein”

Das ist wohl der Klassiker unter den Veganer-Mythen. Und er ist falsch.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt 0,8 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht am Tag. Eine große Metaanalyse von Mariotti und Gardner (2019), veröffentlicht in Nutrients, zeigt: Veganer und Vegetarier in westlichen Ländern erreichen in der Regel ausreichende Proteinmengen, wenn sie sich abwechslungsreich ernähren.

Pflanzliche Lebensmittel wie Linsen (24 g/100 g), Kichererbsen (19 g/100 g), Tofu (15 g/100 g), Seitan (75 g/100 g getrocknet) und Erdnüsse (26 g/100 g) sind hervorragende Proteinquellen. Wenn du über den Tag verschiedene Proteinquellen kombinierst — etwa Hülsenfrüchte mit Getreide — erhältst du alle essenziellen Aminosäuren in ausreichender Menge.

Mehr dazu findest du in unserem Artikel über pflanzliche Proteinquellen.

Fazit: Proteinmangel bei abwechslungsreicher veganer Ernährung ist in Industrieländern extrem selten.

Mythos 2: „Soja enthält Östrogene und ist ungesund”

Dieser Mythos beruht auf einem Missverständnis. Soja enthält Isoflavone — sogenannte Phytoöstrogene. Diese pflanzlichen Verbindungen ähneln strukturell dem menschlichen Östrogen, wirken aber deutlich schwächer und teilweise sogar gegenläufig (anti-östrogen).

Eine umfassende Metaanalyse von Reed et al. (2021), veröffentlicht in Reproductive Toxicology, analysierte 417 Studien und kam zu dem Ergebnis: Sojakonsum hat bei Männern keinen Einfluss auf Testosteron, Östrogen, Spermaqualität oder Fruchtbarkeit.

Die European Food Safety Authority (EFSA) stuft den Konsum von Isoflavonen in üblichen Nahrungsmengen als sicher ein. In asiatischen Ländern, wo Soja seit Jahrtausenden regelmäßig verzehrt wird, zeigen Bevölkerungsstudien sogar niedrigere Raten bestimmter Krebsarten (Messina, 2016, Nutrients).

Fazit: Moderater Sojakonsum (1–3 Portionen pro Tag) ist sicher und möglicherweise sogar gesundheitsförderlich.

Mythos 3: „Ohne Milchprodukte bekommt man nicht genug Calcium”

Milch gilt in Deutschland traditionell als die Calciumquelle schlechthin. Aber Calcium kommt auch reichlich in pflanzlichen Lebensmitteln vor:

  • Grünkohl: ca. 150 mg/100 g
  • Brokkoli: ca. 47 mg/100 g
  • Sesam: ca. 975 mg/100 g
  • Mandeln: ca. 264 mg/100 g
  • Tofu (mit Calciumsulfat): ca. 350 mg/100 g
  • Angereicherte Pflanzendrinks: ca. 120 mg/100 ml

Entscheidend ist nicht nur die Menge, sondern auch die Bioverfügbarkeit. Calcium aus Grünkohl und Brokkoli wird sogar besser aufgenommen als das aus Milch. Spinat hingegen enthält zwar viel Calcium, aber auch viel Oxalsäure, die die Aufnahme hemmt.

Laut dem BZfE ist eine ausreichende Calciumversorgung bei veganer Ernährung möglich, wenn calciumreiche Lebensmittel und angereicherte Produkte bewusst eingeplant werden. Die DGE empfiehlt 1.000 mg Calcium pro Tag für Erwachsene.

Fazit: Calcium ohne Milch ist absolut machbar — mit den richtigen Lebensmitteln und angereicherten Drinks.

Mythos 4: „Pflanzliches Eisen kann der Körper nicht aufnehmen”

Es stimmt, dass pflanzliches Eisen (Nicht-Häm-Eisen) eine geringere Bioverfügbarkeit hat als tierisches Eisen (Häm-Eisen). Aber „geringer” bedeutet nicht „unbrauchbar”.

Eine Studie von Hunt (2003), veröffentlicht im American Journal of Clinical Nutrition, zeigt, dass sich der Körper bei langfristig geringerer Eisenzufuhr anpasst und die Aufnahme steigert. Zudem kannst du die Aufnahme gezielt verbessern:

  • Vitamin C: Steigert die Eisenaufnahme um das Drei- bis Vierfache. Ein Glas Orangensaft zum Linsengericht macht einen echten Unterschied.
  • Fermentation und Keimen: Baut Phytinsäure ab, die die Eisenaufnahme hemmt.
  • Kaffee und Tee zeitversetzt trinken: Tannine hemmen die Aufnahme — trinke sie zwischen den Mahlzeiten.

Gute pflanzliche Eisenquellen sind Linsen, Kichererbsen, Tofu, Kürbiskerne, Haferflocken, Quinoa und dunkelgrünes Blattgemüse. Die EPIC-Oxford-Studie (Davey et al., 2003) fand heraus, dass vegane Frauen im Durchschnitt sogar mehr Eisen zu sich nehmen als omnivore Frauen — allerdings ist die Bioverfügbarkeit geringer, weshalb die DGE empfiehlt, den Ferritinwert regelmäßig kontrollieren zu lassen.

Fazit: Pflanzliches Eisen wird aufgenommen — mit den richtigen Tricks sogar sehr gut.

Mythos 5: „Der Mensch ist von Natur aus Fleischesser”

Dieses Argument taucht regelmäßig auf, ist aber aus mehreren Gründen problematisch.

Anatomisch betrachtet ist der Mensch ein Omnivore (Allesfresser), kein reiner Karnivore. Unser Gebiss, unser langer Darm und unsere Verdauungsenzyme ähneln eher denen von Pflanzenfressern als denen von Raubtieren. Wir können Fleisch verdauen, müssen es aber nicht.

Aus evolutionärer Sicht hat der Mensch über Jahrtausende hinweg extrem unterschiedlich gegessen — von fast ausschließlich pflanzlich (viele indigene Kulturen) bis zu sehr fleischlastig (Inuit). Die Anpassungsfähigkeit unserer Ernährung ist gerade unser evolutionärer Vorteil.

Noch wichtiger: Was unsere Vorfahren gegessen haben, sagt wenig darüber aus, was für unsere Gesundheit heute optimal ist. Die größten ernährungswissenschaftlichen Organisationen der Welt — darunter die American Dietetic Association, die British Dietetic Association und die Dietitians of Canada — bestätigen, dass eine gut geplante vegane Ernährung für alle Lebensphasen geeignet ist (Craig & Mangels, 2009).

Fazit: Wir können Fleisch essen, aber wir brauchen es nicht. Die Wissenschaft bestätigt, dass pflanzliche Ernährung gesund ist.

Mythos 6: „Vitamin B12 beweist, dass vegane Ernährung unnatürlich ist”

Es stimmt: Veganer müssen B12 supplementieren. Aber daraus zu schließen, dass pflanzliche Ernährung „unnatürlich” sei, ist ein Fehlschluss.

Vitamin B12 wird von Bodenbakterien produziert. Früher nahmen Menschen B12 über ungewaschenes Gemüse und ungechlortes Wasser auf. Heute werden unsere Lebensmittel gründlich gereinigt, und unser Trinkwasser ist aufbereitet — eine hygienische Errungenschaft, die aber die natürliche B12-Quelle eliminiert hat.

Übrigens: Auch Nutztiere bekommen heute B12 als Futterzusatz, weil die industrielle Tierhaltung die natürliche Aufnahme über Weidegras und Erde stark einschränkt. Wenn du Fleisch isst, supplementierst du B12 also indirekt — über den Umweg Tier.

Ein Supplement zu nehmen ist nicht „unnatürlich” — es ist schlicht eine pragmatische Lösung für ein modernes Problem. Mehr zum Thema findest du in unserem B12-Artikel.

Fazit: B12-Supplementierung ist kein Argument gegen vegane Ernährung — sie ist eine einfache und sichere Lösung.

Mythos 7: „Vegane Ernährung ist zu teuer”

Dieser Mythos hält sich besonders hartnäckig. Tatsächlich zeigt eine Studie von Springmann et al. (2021), veröffentlicht in The Lancet Planetary Health, dass pflanzliche Ernährung in Ländern mit hohem Einkommen im Durchschnitt bis zu 34 % günstiger ist als eine herkömmliche Mischkost.

Die Grundpfeiler veganer Ernährung — Hülsenfrüchte, Getreide, saisonales Gemüse, Kartoffeln und Reis — gehören zu den günstigsten Lebensmitteln überhaupt. Ein Kilo getrocknete Linsen kostet unter 3 Euro und ergibt mehrere Mahlzeiten.

Was teuer werden kann, sind verarbeitete Ersatzprodukte: veganer Käse, Fleischalternativen und Spezialprodukte. Aber diese sind Luxusartikel, nicht Notwendigkeiten. Eine gesunde vegane Ernährung basiert auf Grundnahrungsmitteln, nicht auf Ersatzprodukten.

Tipps zum Sparen:

  • Hülsenfrüchte in großen Mengen kaufen (getrocknet statt in der Dose)
  • Saisonal und regional einkaufen
  • Selber kochen statt Fertigprodukte kaufen — unser Meal-Prep-Guide hilft dir dabei
  • Wochenmärkte nutzen für günstiges Gemüse

Fazit: Vegane Ernährung kann sogar günstiger sein als Mischkost — wenn du auf Grundnahrungsmittel setzt.

Das Gesamtbild

Was all diese Mythen gemeinsam haben: Sie basieren auf Halbwissen, veralteten Informationen oder bewusster Fehlinformation. Die wissenschaftliche Evidenz ist eindeutig — eine gut geplante pflanzliche Ernährung ist gesund, nährstoffreich und für alle Lebensphasen geeignet.

Das bedeutet nicht, dass vegane Ernährung automatisch gesund ist. Pommes, Weißbrot und vegane Fertigpizza sind auch vegan. Entscheidend ist — wie bei jeder Ernährungsform — die Vielfalt und Qualität der Lebensmittel.

Wenn du dich für den Einstieg in die pflanzliche Ernährung interessierst, schau dir unseren Einstiegs-Guide an. Und wenn du wissen möchtest, was die DGE aktuell empfiehlt, haben wir auch dazu einen ausführlichen Artikel.

Quellen:

  • Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr — Protein, Calcium, Eisen. dge.de
  • Mariotti, F. & Gardner, C. D. (2019): Dietary Protein and Amino Acids in Vegetarian Diets — A Review. Nutrients, 11(11), 2661.
  • Reed, K. E. et al. (2021): Neither soy nor isoflavone intake affects male reproductive hormones. Reproductive Toxicology, 100, 60–67.
  • Messina, M. (2016): Soy and Health Update. Nutrients, 8(12), 754.
  • Hunt, J. R. (2003): Bioavailability of iron, zinc, and other trace minerals from vegetarian diets. American Journal of Clinical Nutrition, 78(3), 633S–639S.
  • Craig, W. J. & Mangels, A. R. (2009): Position of the American Dietetic Association: Vegetarian Diets. Journal of the American Dietetic Association, 109(7), 1266–1282.
  • Springmann, M. et al. (2021): The global and regional costs of healthy and sustainable dietary patterns. The Lancet Planetary Health, 5(11), e797–e807.
  • Davey, G. K. et al. (2003): EPIC-Oxford: lifestyle characteristics and nutrient intakes in a cohort of 33 883 meat-eaters and 31 546 non meat-eaters in the UK. Public Health Nutrition, 6(3), 259–269.
Anzeige